„Musicam habe ich allzeit lieb gehabt“ – Luther und die Musik

Dr. Goldbach

Vortrag von Dr. Michael Goldbach
(gehalten im Kantatengottesdienst im Advent 2017 in St. Matthäus)

Martin Luther war ein musikalischer Mensch. Dabei war Musik für ihn nicht nur Privatsache, sondern hatte entscheidenden Einfluss auf sene Theologie. Die Musik war für Luher ein essentielles Ausdrucksmittel lutherisch geprägten Glaubens.

In seinem lebendigen Vortrag erläuterte Dr. Goldbach, wie Luther seine Bildungsoffensive mit der Förderung des kirchlichen Liedes verband. Anschaulich schildert er, wie wir uns einen Gottesdienst vor 500 Jahren vorstellen müssen und wie lang der Weg von Luther bis zu einer Lieder singenden Gemeinde wirklich war.

Lesen Sie hier den Vortrag von Dr. Goldbach in leicht gekürzter Fassung.

Der Musiker Luther

Martin Luther war ein musikalischer Mensch. Er hat in seiner Jugend eine gute musikalische Ausbildung genossen, Musik war ein Hauptfach in der Schule und auch an der Universität Teil des Grundstudiums. Überliefert ist, dass Luther Laute und Flöte spielte und eine gute Alt-Stimme hatte. An manchen Tagen saß man im Hause Luther nach dem Abendessen zusammen und sang und musizierte in der Familie oder gemeinsam mit Gästen und Freunden. Von seinem Freund und Mitstreiter, dem Thorgauer Kantor und Herausgeber des ersten protestantischen Gesangbuchs, Johann Walter, ist folgende Äußerung überliefert: „So weis und zeuge ich wahrhafftig, dass der heilige Mann Gottes Lutherus, welcher deutscher Nation Prophet und Apostel gewest ist zu der Musica im Choral und Figuralgesange grosse Lust hatte, mit welchem ich gar manche liebe Stunde gesungen vnnd oftmals gesehen, wie der thewre Mann vom singen so lustig und frölich im Geiste ward, dass er des singens schier nicht köndte müde vnnd satt werden vnnd von der Musica so herrlich zu reden wuste.“[2]

Immer wieder hat sich Luther – etwa in seinen Tischreden, in Briefen oder in Vorworten zu Gesangbüchern – zur Musik geäußert. Auch betrachtete er das Singen oder Spielen von Musik als Mittel gegen die Schwermut – insbesondere auch für sich selbst, der er gelegentlich darunter litt: „Auf böse und traurige Gedanken gehört ein gut und fröhlich Liedlein.“[3] An den Komponisten Ludwig Senfl in München, dessen Musik er schätzte, schrieb er: „Es ist kein Zweifel, es stecket der Saame vieler guten Tugenden in solchen Gemüthern, die der Musik ergeben sind; die aber nicht davon gerührt werden, die halte ich den Stöcken und Steinen gleich. Denn wir wissen, dass die Musik auch den Teufeln zuwider und unleidlich sey.“[4]

Der Einfluss der Musik auf die Theologie Luthers

Nun könnte man die große Bedeutung, die Luther der Musik zumaß, als Privatsache abtun, hätte sie nicht wesentlichen, ja, entscheidenden Einfluss auf seine Theologie und seine Vorstellungen und Konzepte bezüglich der Reformation gehabt. Musik nahm für ihn nach der Theologie den höchsten Rang ein. „“Ich halte gänzlich dafür, und schäme mich auch nicht, es zu bejahen, daß nach der Theologie keine Kunst sey, die mit der Musik zu vergleichen ist, dieweil sie allein nach der Theologie dasjenige thut, was sonst die Theologie allein thut, nemlich daß sie Ruhe und einen frölichen Muth macht.“[5] Und in seiner letzten Vorrede zu einer Ausgabe seiner Lieder schreibt er: „Der 98. Psalm spricht / Singet dem HERRN ein newes lied […] Denn Gott hat unser hertz und mut frölich gemacht / durch seinen lieben Son / welchen er für uns gegeben hat zur erlösung von sunden / tod und Teuffel. Wer solchs mit ernst gleubet / der kans nicht lassen / er mus frölich und mit lust davon singen und sagen / das es andere auch hören und herzu kommen.“[6]

Das Lied stellte Luther in den Dienst der Reformation. In der Vorrede zum Wittenberger Gesangbuch des schon erwähnten Johann Walter, grenzt er sich ab von der puritanischen Nüchternheit der Schweizer Reformatoren: „Ich bin nicht der Meinung, dass durchs Evangelium sollten alle Künste zu Boden geschlagen werden und vergehen, wie etliche Obergeistlichen vorgeben, sondern ich wollte alle Künste, sonderlich die Musik, gern sehen im Dienst dessen, der sie gegeben und geschaffen hat.“[7]

Mit den Obergeistlichen meinte Luther Ulrich Zwingli und seine Mitstreiter. Sie lehnten instrumentale Musik in der Kirche als Ausdruck einer gefallenen Welt ab und ließen sogar Orgeln aus den Kirchen entfernen. 

Wie rechtfertigt Luther die Musik für seine Theologie?

Die besondere Stellung, die Luther der Musik im Gottesdienst zumaß, musste nicht nur gegenüber der bisherigen Tradition, sondern auch gegenüber seinen Mitreformatoren begründet werden. Sucht man nach Belegen, weshalb Kirchenmusik erforderlich sei, wird man in der Bibel leicht fündig. Es gibt den Lobgesang der Maria, und Instrumente werden genannt wie Geigen, Pfeifen, Pauken, Harfen, Psalter, Schellen, Zimbeln, Posaunen und Trompeten. Allerdings kommt Musik vor allem im alten Testament vor. Im Neuen Testament ist selten von ihr die Rede. Jesus und seine Jünger singen nie, auch werden nirgends Instrumente genannt. Letztlich gibt es nur eine einzige einigermaßen deutliche Aussage: Paulus schreibt in seinem Brief an die Epheser „Ermuntert einander mit Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen.“[8]

U. Lutter

Aber das reichte Luther für die Legitimation seines besonderen Anspruchs an die Musik. Für ihn galt der Gedanke: Die erlösende Gnade Gottes verpflichtet zu ewigem Lobpreis. „Lobpreis aber ist Musik, und sie schafft eine direkte Verbindung zum ewigen Himmel. Auch in ihm wird das Lob Gottes gesungen […]Damit ist die ewige Seligkeit letztlich vor allem eines: Musik. Sie also wird Teil der lutherischen Heilsauffassung.“[9]

Mit der Ewigkeitsdimension wurde so die Musik zu einem essentiellen Ausdrucksmittel lutherisch geprägten Glaubens.

Vor allem die Herrscher traf der Auftrag, dass alle Gläubigen schon auf Erden Gottes Lob auf bestmögliche Weise zu bewerkstelligen hätten. Ein fürstliches Ensemble musste musikalisch mehr leisten als normale Sterbliche. Als Vorbild galt der Harfe spielende König David.

Bildungsoffensive

Mit der Reformation verband Luther eine Bildungsoffensive. Zu den wirkungsvollsten reformatorischen Forderungen gehört der Aufruf zu einer durchgreifenden Reform des Schulwesens. In seiner Schrift „An die Radherrn aller stedte deutschen lands: das sie ChristlicheSchulen auffrichten und hallten sollen“[10] begründet Luther diese Forderung und redet seinen Adressaten ins Gewissen: man gebe so viel Geld aus für die Pflege von Wegen, Stegen, Dämmen und dergleichen unzählige Sachen mehr, „Warumb sollt man nicht viel mehr doch auch so viel wenden an die dürfftige arme jugent, dass man eynen geschickten man oder zween hielte zu Schulmeystern?“[11]

Kantatengottesdienst 2017Den Schwerpunkt verstärkt auf Bildung zu legen, lag für Luther nahe. Er hatte die Bibel übersetzt, seine Landsleute sollten darin lesen, doch das konnten nur wenige, in den Städten höchstens jeder dritte, auf dem Land noch weniger. Alphabetisierung tat not. Die nachhaltige Sicherung der neuen Glaubensgrundsätze sollte an den Schulen geschehen. Aller Schulstoff stand im Dienst der Glaubensübung. „Die Städte müssen Cultum divinum [Gottesdienst], Schulen und Zucht erhalten […] Schulen sind die Basis der Kirche.“[12] Und an anderer Stelle schreibt er: „Die Musik muss in den Schulen gepfleget werden, wer sich darin übt, ist von guter Natur […] Ein Schulmeister muss singen können, sonst sehe ich ihn nicht an.“[13]

Das Schulwesen wurde mit den Gemeindekirchen verknüpft. Mit der Reformation wuchs so dem Schulmeister bzw. dem Kantor (der ebenfalls Lehrer war) eine wichtige liturgische Funktion zu. Er sang als Solist und stellte den Gesang des Schülerchors für den Gottesdienst sicher, er übte ein und war auch für neue Lieder verantwortlich. Die Schüler unterlagen der Chorpflicht. 

Wie sah der evangelische Gottesdienst vor 500 Jahren aus?

Der Gottesdienst wurde vom Pfarrer lateinisch gesungen. Allein die Predigt wurde auf Deutsch gehalten und hob sich damit nicht nur durch die Sprache ab, sondern auch dadurch, dass sie der einzige gesprochene Teil des Gottesdienstes war. Die Gemeinde sang einige volkssprachliche Liturgieanteile, die jeden Sonntag weitgehend gleich blieben (beispielsweise das Glaubensbekenntnis), und blieb ansonsten passiv – die wechselnden Lieder sang der Schulmeister (oder Kantor) mit dem Schülerchor. „Ein Gemeindelied war bei alledem also nicht intendiert. Eine Neuerung war ja schon, dass das Volk überhaupt etwas singen durfte.“[14] Eine Lieder singende Gemeinde gab es also (noch) nicht. Insofern bedarf das liebgewonnene Bild von Luther als dem Stifter des Gemeindegesangs einer Korrektur – ihm war vielmehr der pädagogische Ansatz wichtig, junge Menschen in ein aktives Glaubensleben einzuführen; und wie konnte das besser geschehen, als durch gemeinsamen geistlichen Gesang im Schulchor? Luther hatte erkannt, dass Lernende Glaubenstexte besser verinnerlichen, wenn sie diese mit Musik verbanden. Das erklärt auch die Fassung des bereits erwähnten ersten deutschen Gesangbuchs von Johann Walter, das er im Jahr 1524 herausbrachte. Es enthielt ausschließlich mehrstimmige Liedsätze und bestand aus einzelnen Stimmheften, je eines für jede Stimmlage. Das war also kein Gesangbuch für die Gemeinde – die meisten konnten ohnehin weder Buchstaben noch Noten lesen – sondern ein Buch für den Schulchor. Gekauft wurden die Gesangbücher also vor allem von den Schulen, aber auch von Privatleuten, denn Luther förderte und empfahl auch das Singen und Musizieren zuhause, wie er es ja selbst praktizierte.

„Musica ist eine halbe Disciplin und Zuchtmeisterinn, so die Leute gelinder und sanftmüthiger, sittsamer und vernünftiger machet. Singen ist die beste Kunst und Uebung. Wer diese Kunst kann, der ist guter Art, zu allem geschickt […] Sänger sind auch nicht sorgfältig [haben keine Sorgen], sondern sind fröhlich, und schlagen die Sorgen mit Singen aus und hinweg.“[15]

Allerdings konnte sich so ein Buch nicht jeder leisten. Der Notendruck, eben erst erfunden, war eine hochkomplizierte, ganz neue Technik, also eine kostspielige Sache (ein Gesangbuch von Herrn Walter kostete etwa den Gegenwert einer Kuh).

Ein deutsches Kirchenlied

Nirgends also gab es einen vielfältigen lutherischen Gemeindegesang, woher sollt er auch so plötzlich kommen? Die deutschen Lieder mussten ja erst entstehen, Liederdichter und Melodienschreiber wurden gesucht, und bekanntlich hat Luther selbst Texte und Melodien zu den neu entstehenden Liedersammlungen beigesteuert; etliche seiner Lieder sind noch im aktuellen protestantischen Gesangbuch vorhanden. Als Beispiele seien genannt: Nun komm, der Heiden Heiland; Gelobet seist du, Jesu Christ; Vom Himmel hoch.

Luther spielte also durchaus eine prägende Rolle für das Entstehen des deutschsprachigen geistlichen Liedes in seiner Zeit – aber damit war es eben noch nicht automatisch zum Gemeindelied geworden. Er war sich des Problems bewusst: „Ich wollte auch, daß wir viel deutsche Gesänge hätten, die das Volk unter der Messe sänge, […] Denn wer zweifelt daran, daß solche Gesänge, die nun der Chor allein singet, oder antwortet auf des Bischofs oder Pfarrers Segen oder Gebet, vorzeiten die ganze Kirche gesungen hat? Aber es fehlet uns an Deutschen Poeten und Musicis, oder sind uns noch zur Zeit unbekannt, die christliche und geistliche Gesänge, wie sie Paulus nennet, machen könnten, die es werth wären, daß man sie täglich in der Kirche Gottes brauchen möchte.“

Bis die Gemeinde eine Lieder singende Gemeinde wird, dauert es lange. „Noch 1604 in Hamburg wird jedes Mitsingen Einzelner als bloße Option benannt: dass in vierstimmigen Schüler-Liedsätzen ‘den Discant auch ein jeder Christ … gleich mit Musiciern‘ könne.“[16] Das Gros der evangelischen Kirchenlieder entsteht erst Mitte des 17. Jahrhunderts.

Abschließend darf festgehalten werden, dass „die Einführung des mehrstimmigen Musizierens von deutschen Liedern in der Kirche im Gegensatz zu durchkomponierten lateinischen Messen […] für die abendländische Musikgeschichte von großer Bedeutung.“[17] war. Indem die vielen mehrstimmigen Sätze, die von bedeutenden Komponisten im Zuge der Reformation geschaffen wurden, nicht nur im Gottesdienst sondern auch in den Bürgerhäusern gesungen wurden, trugen sie wesentlich zur Verbreitung der Reformation bei. Darüber hinaus wird mit dieser Kunst der Mehrstimmigkeit die Grundlage für das Entstehen vorzüglicher Kantoreien gelegt und Geschmack und Kultur der lutherischen Gesellschaft in eine Weise geformt, die letztendlich zu Gipfelwerken der europäischen Musikkultur führen wird, wie den Psalmvertonungen eines Heinrich Schütz, den Passionen eines Johann Sebastian Bach oder dem Deutschen Requiem eines Johannes Brahms.

 

Literatur

Evangelische Kirche in Deutschland (Hrsg.), Die Bibel, nach Martin Luthers Übersetzung, Lutherbibel, revidiert 2017, Stuttgart 2016 

Heimrath Johannes / Korth Michael (Hrsg.), D. Martinus Luther – Ein feste Burg, Luthers Kirchenlieder nach der Ausgabe letzter Hand von 1545, München und Zürich 1983 

Köpf Ulrich (Hrsg.), Reformationszeit. 1495-1555. Bd. 3, in: Müller, Rainer A. (Hrsg.), Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellung, Stuttgart 200

Küster Konrad, Musik im Namen Luthers, Kassel 2016

Rambach, A. J. Über D. Martin Luthers Verdienst um den Kirchengesang, Hildesheim, 1972, Nachdruck der Ausgabe Hamburg 1813

Rautenstrauch Johann, Luther und die Pflege der kirchlichen Musik in Sachsen, Leipzig 1907

Scholz Günter „Habe ich nicht genug Tumult ausgelöst?“ Martin Luther in Selbstzeugnissen, München 2016

 



[1] Rambach, S. 187

[2] Rautenstrauch, S. 4

[3] Rambach, S. 195, Fußnote 10

[4] Ebd., S. 189

[5] Ebd.

[6] Heimrath/Korth, S. 43

[7] Scholz, S. 169

[8] Die Bibel, Epheser 5,19, S. 226

[9] Küster, S. 49

[10] Köpf, S. 216

[11] Ebd.

[12] Scholz, S. 110f

[13] Ebd., S. 168

[14] Küster, S. 25

[15] Rambach, S. 188

[16] Küster, S. 25

[17] Heimrath/Korth, S. 35